Mit Offenem Visier

Was man beim Kauf einer Plattenrüstung beachten sollte

Was wäre ein Hobbyritter, Landsknecht, Gefolgsmann oder Abenteurer ohne einen Panzer aus Stahl? Was heute Sanitas oder Swica heisst, hiess früher Kürass oder Hundsgugel. Heute sind die Dinge etwas anders, doch einiges ist geblieben. Ich werde euch Tipps geben zum Erwerb einer Rüstung und erklären auf was man genau achten muss.

Meine Plattenrüstung, welche ich für den Sport, Reenactment und das LARP verwende

Ich möchte nicht zu lange um den heissen Brei reden… Immer wieder fragen sich Rüstungsinteressierte, wo, was, welche Rüstung sie für was brauchen. Deshalb werde ich nun Schritt für Schritt erklären, wie man diese Fragen beantworten kann. Ganz easy. Ich werde mich generell auf Plattenrüstungen beziehen. Vor allem historische, da Fantasyrüstungen nicht mein Gebiet sind und sich wenig unterscheiden «sollten».

  1. Für was brauche ich eine Rüstung?
  2. Was ist mein Anspruch?
  3. Was ist mein Budget?
  4. Wo kaufe ich?

Diese Punkte werden wir uns nun genauer anschauen.

1. Für was brauche ich eine Rüstung?

Brauche ich die Rüstung für ein Reenactment? LARP? Harnischfechten? Buhurt? Das ist eine der wichtigsten Fragen, bei der man sich gründliche Gedanken machen sollte. Ein Reenactor hat einen anderen Anspruch als vielleicht ein Larper, ebenso ein Buhurt-Sportler zum Harnischfechter. Dennoch können sich einige Ansprüche überschneiden. Ein paar Beispiele dazu:

  • Ein Larper, der seine Rüstung nur für das Rollenspiel benötigt, kann hierbei auf vieles verzichten. Denn für was braucht ein Larper eine Plattenrüstung mit 1,6-2mm Dicke? Ein Larper kann hier also gut Gewicht und Geld sparen.
  • Der Harnischfechter muss hingegen genau darauf achten, wie die Rüstung aufgebaut ist und welche Eigenschaften sie hat. Auch wenn der Kampf weniger rau ist, muss man trotzdem für genügend Schutz sorgen.
  • Der Buhurtler braucht vor allem viel Schutz. Die Schläge sind eine extrem hohe Belastung für Körper und Material. Zudem müssen Buhurtler auch eine Reihe historischer Kriterien erfüllen sowie Verbandsrichtlinien.

Da man sich im besten Fall nicht ein zweites Mal eine komplette Rüstung kaufen möchte, sollte man sich auch genau überlegen, wo es vielleicht Überschneidungen geben könnte. Ich etwa spiele mit meiner Rüstung in Larps mit, nutze sie jedoch auch für’s Reenactment und Harnischfechten. Das waren keine spontanen Entscheide, sondern monatelange Überlegungen. Nehmt euch also Zeit. Als grosser Fan von Sun Tzu’s «Die Kunst des Krieges», habe ich mich an sein Ratschlag gehalten: Wer sich vor einer Schlacht viele Gedanken macht, wird eher siegen als einer, der mit Sicherheit von einem Sieg ausgeht und sich deshalb keine Gedanken macht.

2. Was ist mein Anspruch?

Schauen wir uns das Thema Ansprüche genauer an. Hier passen Fragen zur Optik wie: Aussehen, Epoche, Stil, Historisch, Phantasy, Filmvorlage usw. Jedoch auch Anspruche an die Passform, Verarbeitung oder das Material. Auch hier mache ich wieder Beispiele:

  • Dem Larper stehen hier im Grunde alle Wege offen. Hier findet man Fantasierüstungen, welche aus Filmen, historische oder gar komplette Mischungen. Verarbeitung und Material sind im Grunde nicht wirklich wichtig, ausser man hat einen speziellen Anspruch. Ob man nun gehärteten Stahl am Körper trägt oder die Rüstung maschinell oder von Hand gehämmert wurde, ist hier nicht so wichtig. Was ich aber mit Nachdruck empfehle und immer wieder erwähnen werde: Achtet auf die Passform! Bitte! Viele Larper kaufen günstige Massenware, welche nicht passt. Das sieht einfach unglaubwürdig aus und ist unbequem. Nur schon beim hinsehen!
  • Der Reenactor muss sich hier mit einigen Fragen mehr beschäftigen. Epoche, Stil, Material, Passform, Verarbeitung spielen die zentrale Rolle beim Erwerb. Es macht einen grossen Unterschied, ob man eine Plattenrüstung Mitte 14- oder 15. Jahrhundert trägt. Das sind grosse Unterschiede im Stil und Technologie. Als Reenactor kann man nicht einfach Epochen oder Stile kombinieren. Keiner möchte einen Ritterhispster im Reenactment. Je nach Anspruch oder Vorgabe, ist man beim Material oder Verarbeitung flexibel. Es gibt aber auch strenge Gruppen, in denen man ohne gehämmerte Rüstung nicht eingeladen wird. Teilweise ist es extrem verpönt, Rüstungen aus Edelstahl oder Titan vorzuzeigen, weil es diese Stahle nicht gab.
  • Der Harnischfechter achtet sich im Grunde wie der Reenactor an ein historisches Vorbild. Sehr wichtig isch die Beschaffenheit des Stahls. Es ist nicht wichtig ob der Stahl gehämmert wurde, aber die Dicke des Stahls sollte beachtet werden. Ein 1mm Stahlblech schützt den Träger bereits optimal, verbeult jedoch sehr schnell. Ein Kürass aus 1mm Stahl ist leicht und schützt gut, ein Helm aus 1mm Blech ist jedoch nicht zu empfehlen. Man kann also wie die Träger damals einen Kompromiss finden zwischen Schutz und Gewicht. Dieses Thema werde ich noch ausführlicher aufgreifen.
  • Der Buhurtler muss sich meist an gewisse, teils strenge historische Richtlinien halten. Einzige unhistorische Sache: Die Rüstungen sind meist optisch zu gross, da man darunter viel mehr Polster trägt als das früher üblich war. Es gibt strenge Schutzrichtlinien. Hier sind auch die Rüstungen viel dicker und daher schwerer. Im Gegensatz zum Harnischfechten, hat man es hier mit harten Schlägen zu tun, auch gegen den Kopf. Um das erhöhte Gewicht zu reduzieren, verwenden gut Betuchte Kämpfer Titan. Titan ist sehr leicht und trotzdem extrem robust.

Meine Rüstung ist nach historischem Vorbild. Die Zusammensetzung orientiert sich an die Zeitspanne 1380-1415, mailändischer Stil. Die Rüstung hat Blechteile, welche 1 bis 1,2mm Dick sind. Ich habe mich für Kohlenstoffstahl, oder auch «Mild Steel» genannt entschieden. Die Rüstung ist nach Mass hergestellt.

Nach Mass, bitte! Eine Rüstung nach Mass sollte einfach ein Muss sein. Eine Rüstung wiegt einiges, auch wenn sich ein Larper nur eine 1mm Dicke Versicherung zulegt, hat diese Trotzdem Gewicht. Plattenrüstungen wurden so hergestellt, dass sich das Gewicht auf den Körper verteilt und eng am Körper anliegen. Eine nicht optimal sitzende Rüstung schützt den Träger auch nicht gegen jede Art von Bedrohung. Ein Kürass, welcher den Torso schützt, wurde so hergestellt, dass er oberhalb der Hüfte aufliegt. Somit konnte man Gewicht verteilen und Belastung von den Schultern nehmen. Wenn eine Arm- oder Beinrüstung nicht nach Mass gefertigt wurde (wer hat schon einen Unisex-Körper), kann das die Beweglichkeit extrem behindern oder gar unmöglich machen. Alleine schon paar Milimeter können extrem viel Bewegung einschränken. Mein Tipp also zum Thema Anspruch: Lieber paar Moneten mehr investieren, als sich mit viel Gewicht und wie C-3PO aus Star Wars herumbewegen zu müssen!

Wer eine historische Rüstung möchte, muss natürlich noch Zeit in die Recherche investieren. Auch hier sollte man nicht an Zeit sparen. Recherchiert man nicht sauber genug, hat man Probleme im Reenactment Fuss zu fassen und muss wieder nachkaufen. Heute in der digitalen Zeit findet man praktisch alles über Google.

3. Was ist mein Budget?

Schauen wir uns also die Frage der Fragen an… Die typische Monopoly Frage: Wie viel möchte ich investieren? Habe ich ein Budget sofort auf Abruf oder monatlich? Wo spare ich, wo gebe ich mehr aus? Eine Rüstung kostet einiges und mit dem reinen Stahl, ist es noch nicht getan. Das Budget ist stark an die Ansprüche von Thema zwei gekoppelt. Ich persönlich Teile aufgrund meiner Erfahrung in folgende Kategorien auf, für eine grobe Übersicht:

Die günstige Massenware als unterste Kategorie, findet man in jedem Mittelalter, Larp, oder Kostümshop. Dafür ist keine lange Google-Suche nötig. Diese Teile sind meist in gängigen Konfektionsgrössen erhältlich, sehr oft aber auch einfach nur in «Unisex». Das Material ist brauchbar, es fehlen aber sehr oft genauere Informationen zur Beschaffenheit. Edelstahl oder gehärteten Stahl kann man bei so tiefen Preisen jedoch nicht erwarten. Wer einen historischen Anspruch hat, sei er dennoch bescheiden, kommt hier nicht auf seine Kosten. Gefühlte 90% der Massenware, weist viele historische Fehler auf. Die Preise sind sehr tief: Ein Helm mit Visier kostet im Schnitt 160 SFr, eine Brustplatte um die 100 SFr. Eine Komplette Rüstung kann also zwischen 500-1’000 SFr kosten. Grund für diese günstigen Preise ist die Herstellung nach Schablone und die Produktion in Indien.

https://www.battlemerchant.com/media/image/d1/d2/4a/1016608600_ruestung_churburg_kompletter_plattenpanzer_ritter.jpg
Der unwissende Blick könnte hier eine gute Rüstung sehen. Leider nein.
Quelle: Battlemerchant

Die Mittelklasse deckt fast den Anspruch aller von mir genannten Zielgruppen ab. Die Rüstungen folgen zum grössten Teil historischen Vorbildern, sie werden nach Mass gefertigt, das Material oder die Dicke ist wählbar. Diese Rüstungen werden auch mit modernen Maschinen hergestellt, was sich positiv auf die Preise auswirkt. Ein Helm mit Visier kostet zwischen 300-1’000 SFr, eine Brustplatte zwischen 300-700 SFr. Eine komplette Rüstung kostet im Schnitt zwischen 2’000-6’000 SFr. Viele dieser Rüstungen werden in den sog. ehemaligen Ostblockstaaten hergestellt.

Die Crème de la Crème der Rüstungen deckt im Grunde eine kleine Zielgruppe ab: Hardcore-Reenactors, Museen, Universitäten, Leute mit viel viel Geld. Die Rüstungen werden von A-Z gehämmert, ohne Maschinen. Nach Mass bedeutet hier, dass man persönlich zum Schmied geht und die Rüstung immer wieder anpassen lässt, bis zum Schluss. Diese Rüstungen sind historisch so genau, dass man sie nur schwer von Orginalen unterscheiden kann. Selbst die Dicke jedes Stahlteils variiert je nach Bereich. Hier ist es schwer, genaue Preise zu beziffern. Solche kompletten Rüstungen fangen aber meist bei 10’000 SFr an. Solche Schmiede stellen auch die neuen Rüstungen der päpstlichen Garde her.

Für meine Rüstung habe ich mir anfänglich ein Budget von max. 2’000 SFr gesetzt. Zudem ein monatliches Budget für restliche Teile oder Zusatzsachen von 200 SFr. Die komplette Rüstung wie auf dem Bild, hat mich schliesslich genau 2’000 SFr gekostet (Plattenteile). Natürlich braucht man aber auch noch einen Gambeson, Schuhe, Hosen, Polsterung im Helm, Kettenbrünne ect. Wie bei den Tatoos, kommt meist immer noch etwas dazu. So bin ich, wenn ich alle Konfigurationen zusammenrechne, bei etwa 4’000 SFr.

Was ist, wenn ich nicht genug Geld für meine Traumrüstung habe? Ganz einfach, sparen und warten. Vielleicht klingt das etwas hart oder gar demotivierend… zugegeben! Was aber weit aus schlimmer ist, ist wenn man wegen fehlendem Batzen eine günstigere Variante kauft und dann tot unglücklich ist. Kauft man eine günstigere Alternative, wird man meist bitter enttäuscht. Hier ist Disziplin gefragt. Wenn man jeden Monat 100-200 SFr ansparen kann, hat man in zehn Monaten ungefähr meine Rüstungskonfiguration. Es ist auch nicht schlimm, wenn man nicht direkt alle Teile besitzt. Man kann auch mit einer Brustplatte, Helm und Handschuhe starten. Selbst Adelige aus ärmeren Häusern konnten sich nicht immer alle Teile leisten, oder auch gar nie.

Was sind die Unterhaltskosten? Rüstung braucht Pflege, vor allem wenn man sie regelmässig braucht. Natürlich verursacht die Pflege Kosten, welche aber nicht sehr hoch ausfallen. Im Grunde braucht man regelmässig Öl oder Fett, sowie Polierutensilien. Diese kosten jährlich geschätzt 50 SFr, selten auch etwas mehr. Wer Kampfsport in der Rüstung betreiben möchte, vor allem Buhurt, muss damit rechnen, dass einige Teile ausgebessert oder nachgekauft werden müssen. In der Ukraine lernte ich einen Buhurtkämpfer kennen, der jede Saison Teile ersetzen musste. So kann man bei uns pro Jahr schnell 300-1’000 SFr Kosten anhäufen.

4. Wo kaufe ich?

Wenn man den Anspruch und das Budget definiert hat, kann man endlich mit dem Shoppen loslegen! Man sollte sich Zeit nehmen, um die ganzen Shops genau zu studieren. Auch hier lohnt es sich Preise zu vergleichen, Reviews zu prüfen und in der Szene nachzufragen. Tipps von Kameraden sind meist sehr hilfreich, zudem ersparen sie viel Recherche. Ich werde bezüglich «Shops für Plattenrüstungen» einen eigenen Artikel machen, da es sich um ein grösseres Thema handelt.

Zum Schluss möchte ich noch alles kurz zusammenfassen: Überlegt euch gut, wofür ihr eure Rüstung brauchen wollt und was die Motivation dahinter ist. Überlegt euch gut, was eure Anspruche an die Rüstung sind, wie sie aussehen soll oder was sie aushalten muss. Macht euch Gedanken, welches Budget ihr in die Rüstung investieren wollt oder könnt. Prüft alle Shops und Optionen für den Kauf. Im Grunde gibt es nicht mehr zu sagen.

Falls Fragen aufkommen, stehe ich gerne bereit um diese zu beantworten. 🙂
Ich werde noch weitere Threads eröffnen, welche diesen ergänzen werden.

Claudio Ritrovato

4 thoughts on “Was man beim Kauf einer Plattenrüstung beachten sollte

  1. Addendumse:

    * Wenn man anfangen will ist es wirklich eine gute Idee bessere Qualität zuu kaufen, und dafür vielleicht eben nicht die ganze Menge. Das wichtigste ist der Helm, dann kommt die Brustplatte, dann Handschuhe. Historisch ist es so das im 15Jh von Handwerksgesellen in Zünften Helm und Brustplatte verlangt wurden. Bei einem Handwerksmeister erwarteten die Zünfte einen halben Harnisch (=alles ausser Beinzeug). Bei Söldnern gabs mehr Sold für halbes oder ganzes Zeug.

    * Auch die Rüstungen der Oberklasse werden mit Maschinen gehämmert. Aber eben, gehämmert, nicht druckgepresst oder sowas. Und auch da kann man mal mit einzelnen Stücken anfangen. Hirnhaube, gehärtet, EUR 320; Hentzen, gehärtet, EUR 1380 das paar; Brustplatte, gehärtet, EUR 1600; Schaller, gehärtet EUR 1820. Rücken, gehärtet, EUR 1600 (da muss man die Brust wieder vorbeibringen zum Anpassen); Armzeug, gehärtet, EUR 2900 das paar; Schultern, gehärtet, EUR 1400 das paar. So als Beispiel, von vor ein paar Jahren.

    * Das Rüstwams, um das Arm- und Beinzeug zu befestigen oder (bei früheren Modellen) der Gambeson und Polsterdiechlinge machen auch noch etwas aus; entweder an Aufwand oder finanziell. generell gilt, je später die Rüstung desto weniger Krempel kommt darunter, d.h. desto passender muss sie sein.

    1. Klar, auch die Oberklasse nutzt oft Maschinen – jedoch nutzten die meisten Rüstschmiede um sich abzugrenzen meist nur zeitliche Methoden.

      Man muss auch sagen, dass gehärtete Teile teurer sind als jene aus «Mild Steel». Man kann aber auch mit gutem Gewissen einfach Mild Steel verwenden. Gehärteter Stahl war damals sehr teuer und man kann davon ausgehen, dass die meisten Rüstungen aus Mild Steel genutzt haben. Jedoch eine etwas mindere Qualität als heute.
      Man muss auch keine Bedenken haben im Sport/Kampf: Mild Steel ist elastischer und verformt zwar gerne mal, schützt den Träger jedoch sehr gut (natürlich nur ab mind. 1,2mm).

Schreiben Sie einen Kommentar zu Hermann Eichhorn Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.