Mit Offenem Visier

Warum Harnischfechten ein cooler Kampfsport ist

Dieser Beitrag befasst sich mit dem Harnischfechten und der Varianten. Was macht diese Art der mittelalterlichen Kampfkunst so interessant? Was sind Eigenschaften und Eigenheiten? Warum ist es eine gute Alternative zu HEMA oder Buhurt?

Harnischfechten: Links ich, rechts Hermann

Zuerst mal: Was ist Harnischfechten eigentlich? Harnisch-Fechten setzt sich aus dem Harnisch, der Rüstung und Fechten zusammen. Kurzum also, kämpfen in einer Rüstung. That’s it? Natürlich nicht. Harnischfechten ist ein Hybrid und setzt sich aus vielen Varianten zusammen. Es gibt was für Vollkontaktfreudige, heroische Schwertkämpfer oder Techniker. Zum Verlauf des Artikels:

  1. Hintergrund
  2. Varianten & Formen
  3. Ausstattung
  4. Vergleiche

Hintergrund

Beim Harnischfechten geht es darum, so zu kämpfen, wie es in einer Plattenrüstung üblich war. Die Panzerung des Mittelalters entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert weiter in Richtung Plattenschutz. Zuvor dominierte viele Jahrhunderte der Kettenpanzer (wie der Hauberk) die Ausrüstung der Kämpfenden. Dann ab 1300 kamen immer mehr Plattenteile hinzu, um die Kettenpanzerung zu ergänzen. So etwa Ellenbogen- sowie Kniekacheln (Cops), Schienbeinplatten (Greaves), Plattenhandschuhe für die Hand, später mit Finger (Gauntlets). Schon ab Mitte des 14. Jahrhunderts verdrängte die «Platte» die «Kette» als Primärschutz. Ab 1370 konnte sich ein betuchter Adeliger von Kopf bis Fuss mit Plattenteilen ausrüsten. Gewisse Techniken und Waffen verloren ihre Wirkung. Man erfand die Waffen neu und passte die Kampftechniken an. So wurde das Schwert an der Spitze schmal und sehr scharf, um durch die Kettenrüstung in die Schwachstellen zu stechen. Der Schwerpunkt verlagerte sich von der Klinge zum Ort. Plattenrüstungen schützten den Träger nun vor Schnitten, Stichen und teilweise vor Schlägen. Diese technische Entwicklung war auch motiviert durch Waffen wie die Hellebarde oder den Streitkolben.

Varianten

Halbschwert: Die wohl beliebteste Form des Harnischfechtens ist das «Halfswording». Das Schwert wurde mit der starken Hand am Heft gehalten und mit der anderen Hand an der Klinge geführt. Mit dieser Taktik konnte man gezielte Stiche gegen die sog. «weak spots» setzen. Zu diesen Punkten gehörten die Achseln, Innenseiten des Knies und Ellenbogen, Hals, das Gesäss und der Unterleib. Diese Stellen konnte man bis zum Ende des Mittelalters meist nur mit einem Kettengeflecht verstärken. Wer aber einen wuchtigen Stich setzen konnte, hatte gute Chancen das Kettengeflecht zu durchstossen. Neben dem Stechen gab es noch das Hebeln als Kampftaktik. Mit dem Schwert konnte man sich beim Gegner einhaken und so diesen zu Fall bringen oder entwaffnen. Wenn das aushebeln nicht funtionierte, kam es zum sog. «Ringen«. In dieser Situation wurde das Schwert praktisch nutzlos. So kam eine weitere Waffe zum Einsatz: Der Dolch. Auch der Dolch hatte sich weiterentwickelt. Er wurde schmaler und an der Spitze sehr scharf. Das Prinzip war ähnlich wie beim Schwert: Durch die Lücken der Plattenteile oder Ringe stechen. Schläge wurden nicht mehr mit der Klinge, sondern mit dem Parrier ausgeführt (z.B. Mordhau). Beliebtes Ziel der Attacke: Die Rübe! Wer schon mal einen Schlag gegen den Helm kassiert hat, der weiss, wie unangenehm das sein kann! So konnte man den Gegner verwirren, kurz betäuben oder K.O schlagen.

Stangenwaffen: Ebenfalls sehr beliebt ist der Stockkampf mit einer Hellebarde, Mordaxt, Streithammer oder Hippe (eng. Bill). Bei dieser Kampftechnik rücken Schläge wieder in den Fokus. Da man mit Schwerter selten genug Kraft aufbringen konnte, um einen Plattenträger zu verletzen, benutzte man dafür Stangenwaffen. Durch den Hebel, der Führung mit beiden Händen und den massiven Köpfen konnte man den Gegner durch die Plattenteile verletzen. Beliebte Ziele waren der Kopf, die Hände, Schultern, Arme, Knie. Mit den meisten Stangenwaffen konnte man auch «Stechen«. Die Mordaxt hatte oft eine Spitze Aale, um die ungeschützten Körperteile zu verletzen. Es wurden die gleichen «weak spots» attackiert, welche ich beim Halbschwert aufgelistet habe. Auch bei dieser Technik kann es zum Ringen kommen mit Dolcheinsatz oder Entwaffnung.

Schild und Streitkolben: Nicht ganz so häufig ist der Kampf mit Schild und Wuchtwaffe. Vor allem in Polen, Russland und in der Ukraine ist diese Variante sehr beliebt, welche man in Deutschland eher weniger findet. Wie ich erwähnt hatte, war das Schwert zu schwach für eine ernsthafte Penetration der Platte. Statt dem Schwert rückten nun Wuchtwaffen in den Fokus: Pernach, Rosshammer, Rabenschnabel usw. Diese einhändigen Wuchtwaffen wurden gegen die selben Schlagzonen verwendet, wie bei der Stangenwaffe oben. Wer also Nostalgie hat für den Kampf mit dem Schild, hat hier eine Alternative gefunden.

Ausstattung

Was braucht man für’s Harnischfechten?

Der Harnisch: Fangen wir mit der Aus-Rüstung an: Ohne Harnisch geht Harnischfechten natürlich nicht! Das hat nicht nur was mit dem Schutz zu tun, sondern auch mit dem Feeling. Nur wenn man einen Harnisch trägt weiss man, wie man darin kämpft und wie sich jede Kampfsituation anfühlt. Natürlich gibt es Ausnahmen: Neulinge. Aber auch hier sind Schutzkleider, wie beim HEMA nötig für den minimalen Schutz.

Mein Harnisch. Wie man erkennen kann, sind die Achseln, Innenseite der Arme und der Unterleib potentielle Ziele.

Nach meiner Meinung, ist der Harnischkampf erst wirklich «spassig» und fordernd, wenn der Harnisch aus der Zeit über 1350 stammt. Ansonsten kann der Kampf extrem schwer und unfair ausfallen, ein Beispiel: Ich kämpfe in einem Harnisch aus der Periode 1380-1415, also praktisch alles durch eine Platte geschützt. Wenn ich also gegen einen Gegner antrete in einer Rüstung aus der Zeitperiode 1200-1300, habe ich viele Schwachstellen zum zustechen, dass es für beide zu einer Trauerpartie wird. Wenn ich hingegen gegen einen Harnisch aus der Periode 1450-1500 antrete, geht das relativ gut, ist aber etwas schwieriger wegen der fortgeschrittenen Technik. Kurz: Platte gegen Platte funktioniert gut, Kettenhauberk gegen Platte ist schon fast so, als hätte man in Age of Empires vergessen eine Zeit freizuschalten. Wichtig bei der Rüstung ist der Helm. Es ist zwingend ein Visier nötig, wenn ihr nicht nur mit Polsterwaffen herumkämpfen wollt. Es eignen sich also folgende Helmtypen besonders für das Spätmittelalter: Topfhelm, Beckenhaube, Schaller, Armet. Wenn der Helm zu offene Gesichtstellen hat, kann man ein Gitter montieren lassen. Glaubt mir, treffer gegen den Kopf gehören zum guten Ton im Harnischkampf. Zudem Sollte der Helm mindestens 1,5mm dick sein, damit die Kraftvibration nicht zu stark übertragen wird. Entgegen vieler Meinungen, muss es nicht zwingend gehärteter Stahl sein. Ich kämpfe mit einem Mild Steel Helm und der hält durch.

Ist ein Kettenhemd nötig? Nein. Selbst früher hatten nicht alle Kämpfer einen Kettenschutz unter der Platte. Das wird durch mehrere Quellen und Bilder belegt. Viele stützen sich auf Gräber, Bilder und Monumente, dass immer eine Kette getragen wurde. Sie vergessen aber, dass es sich eigentlich immer um Hochadelige handelte (z.B. Edward of Woodstock). Es ist anzunehmen, dass einige niedere Adelige und «Men at Arms» auf eine Kette verzichteten. Eine Kette hat je nach Körpergrösse 8-15kg Gewicht und kann einen besseren schutz bieten, aber den Träger sehr schwerfällig machen. In der Regel ist es so: Kettenhemd gibt je nach Treffer einen besseren Schutz und weniger schnell einen tödlichen Treffer. Der Verzicht gibt mehr Kondition und eine bessere Beweglichkeit. Alternativ kann man einzelne Zonen durch Kettengeflecht schützen, indem man es an den Gambeson resp. Rüstwamms annäht.

Mehr zum Thema Rüstungen hier: https://mitoffenemvisier.com/ausrustung/was-man-beim-kauf-einer-plattenrustung-beachten-sollte/

Die Bewaffnung: Im Harnischfechten kommen diverse Waffen vor, diese haben wir bereits etwas angeschaut. Jetzt kommen noch unterschiedliche Materialien und Eigenschaften hinzu.

Das Schwert: Meistens werden im Harnischfechten Schwerter aus Stahl verwendet. Diese sind identisch zu den Schaukampfschwertern: Der Ort (Spitze) ist abgerundet, also nicht scharf, genau wie die Klinge breit und stumpf ist. So ist die Möglichkeit, sich zu verletzen relativ klein. Viele haben am Ort noch einen Gummischutz oder machen etwas «Panzertape» dran. Somit wird das Risiko nochmals minimiert und die Rüstung geschont. Alternativ werden häufig auch Schwerter aus Plastik verwendet. Diese sind sehr robust und biegen sich beim Stich durch, was die Energie ablenkt. Plastikschwerter sind aber meist viel leichter und somit geht das Gefühl etwas verloren. Wer aber seine Rüstung schonen möchte, sollte diese Schwerter verwenden. Oft sind sie auch gut für den Einstieg, da es oft eine Hemmschwelle gibt für die Stahlschwerter. Eher selten habe ich Holzschwerter gesehen. Mir persönlich eröffnet sich auch nicht der Sinn für die Verwendung. Wie im LARP trifft man auch auf Schaumstoffschwerter. Diese sind an der Spitze jedoch robuster und allgemein etwas härter. Da man nicht schlägt sondern praktisch nur sticht, hält die Klinge länger durch. Ich persönlich habe diese Schwerter noch nie im Harnischfechten gesehen. Zuletzt gibt es noch Schwerter aus Hartgummi (Rubber). Sie sind zwar fest und hart, bei Widerstand geben sie trotzdem etwas nach.

Ich kämpfe nur mit Stahlschwertern. Das Gefühl im Kampf ist viel angenehmer, das Gewicht stimmt und das Material gibt nicht unnatürlich nach.

Die Stangenwaffe: Hier gibt es im Grunde nur eine wirklich verwendete Form im Harnischfechten: Holzstab mit Hartgummikopf. Hartgummi hat relativ gute Eigenschaften als Bestandteil einer Wuchtwaffe. Hartgummi erzeugt einen bemerkbaren Schlag (Impact), ist jedoch noch weich genug, dass der Schlag in Kombination mit der Plattenrüstung gedämpft wird. Erhalte ich einen Schlag auf den Kopf oder den Arm, nehme ich diesen sicher wahr. Hat die Wuchtwaffe eine Spitze, wie etwa die Mordaxt, hat diese meist eine starke Rundung, als hätte man auf die Spitze einen Gummiball aufgespiesst. Somit kann man auch ohne Bedenken zustechen.

Die Wuchtwaffe: Eines ist sehr wichtig: Verwendet nie Köpfe aus Stahl! Auch wenn diese breit und abgestumpft sind! Im Buhurt mag es das geben, aber dort sind meist auch die Rüstungen und Polsterungen dicker. Im Harnischfechten findet man meist kampfinteressierte Reenactor, mit demensprechend historisch orientierten Rüstungen (keiner möchte verletzt vom Feld getragen werden). Wuchtwaffen können entweder wie bei den Stangenwaffen aus Holzstab und Hartgummikopf bestehen, oder aus Vollgummi. Obwohl ich persönlich Vollgummi nicht empfehlen kann, da sich die Waffe beim Schlag zusätzlich durchbiegen kann, was nicht besonders zum Feeling beiträgt. Auch Holzwaffen können verwendet werden. Wenn man Risiko vermeiden möchte oder etwas Hemmungen hat, kann man auch larpübliche Waffen verwenden.

https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=820x10000:format=jpg/path/s5f8e6c6467ed7de0/image/i2f6bf2c370babeb9/version/1494942035/image.jpg
Harnischkampf aus dem 16. Jahrhundert mit Halbschwerttechnik gegen den Speer. Quelle Google

Der Dolch: Bei den Dolchen werden entweder Schaukampftaugliche, abgestumpfte Stahl-Varianten verwendet, oder welche aus Hartgummi oder Plastik. Ich finde jene aus Stahl schöner und sie erzeugen ein besseres Feeling.

Wichtig ist, dass ihr so kämpft oder Trainiert, wie es euch und dem Gegenüber am besten passt. Es ist nicht das Ziel, den Kampfpartner zu verletzen. Deshalb ist z.B. der Mordhau mit Stahlparrier gegen den Kontrahenten nicht erlaubt. Da wir uns im 21. Jahrhundert befinden, es ein Sport ist und nicht ein Kampf um’s Überleben, geht Sicherheit vor. Authentisch heisst nicht, das am Ende einer in’s Gras beisst.

Vergleiche

Nun vergleichen wir mal das Harnischfechten mit anderen populären mittelalterlichen Kampfsportarten. Ich lasse meine persönliche Meinung einfliessen.

Klassisches HEMA vs Harnischfechten: Ich nenne es jetzt mal klassisches HEMA, weil Harnischfechten auch zum HEMA gezählt wird. Was ist für mich HEMA? Man ist im Sportzentrum, kämpft mittelalterliche Techniken in Fechtkleidung mit diversen Waffen. Natürlich ist das extrem heruntergebrochen! Ich möchte aber nicht zu sehr ins Detail gehen. Hier spielt vor allem Feeling eine grosse Rolle. Im HEMA kämpft man meist so, als ob der ganze Körper eine Trefferzone sei. So waren meine Eindrücke im Schwertkampf bis anhin. Ich möchte damit nicht sagen, das HEMA total ohne Anspruch ist, garantiert nicht! Aber meiner Meinung nach kämpfte man übelicherweise in einer Rüstung und man kämpfte deshalb auf eine ganz andere Art (abgesehen von gewissen Duellsituationen). Auch das Feeling ist ganz anders: In der Rüstung fühlt man sich näher an den Kämpfern des Mittelalters. Man spürt die Einschränkungen, das Gewicht, die limitierte Sicht, man muss seine Taktiken anpassen. Mir machte HEMA immer Spass, aber es fehlte das Gefühl. Das gilt nicht nur für das Schwert, sondern auch für den Speer. Zudem bietet Harnischfechten auch gewissen «Vollkontakt». HEMA hat einen grossen Vorteil: Es gibt mehr Kämpfer als im Harnischfechten. Vor allem hier in der Schweiz ist es nochmals schwieriger, Leute für’s Harnischfechten zu finden. Wer also nach häufigen Duellen, Wettkämpfen und Trainings sucht, ist im HEMA besser bedient. Fechtausrüstung wird oft bereitgestellt oder ausgeliehen. Zudem ist die Ausrüstung günstiger als eine Plattenrüstung. Somit sind die Einstiegshürden etwas grösser beim Harnischfechten. Leider gibt es keine wirkliche Angebote für’s Harnischfechten in der Schweiz.

Ich muss sagen: Meine HEMA Erfahrung, abgesehen vom Harnischfechten, ist relativ kurz. Ich habe bereits nach neun Monaten zum Buhurt und Harnischkampf gewechselt.

Buhurt & HMB vs Harnischfechten: Harnischfechten wirkt oft wie eine lahme, langweilige Version des Buhurt. Das liegt aber oft auch an den energiegeladenen Videos mit cooler Rockmusik der Buhurtszene, wo im Gegensatz Videos der Harnischfechter harmlos wirken. Viele teilen Sport in hart oder weich ein. So war es schon bei mir früher im Rugby: Immer der Streit, wer den härteren Sport ausübt. Football oder Rugby und so weiter. Meiner Einschätzung nach ist die körperliche Belastung und der Kick beim Buhurt grösser. Beim Buhurt kämpft man in einer Mannschaft, was einem ein extrem grosses Gefühl der Kameradschaft gibt. Es ist ein Mix aus Rugby und mittelalterlicher Kampfszenerie. Harnischfechten hingegen ist viel technischer und detailierter im Kampf. Im Buhurt wird zwar mit Waffen und Plattenrüstung gekämpft, aber die Treffer sind praktisch bedeutungslos. Buhurt ist was das kämpferische anbelangt, für mich unrealistisch. Harnischfechten sieht oft harmloser aus, als es ist. Was unterschätzt wird: Duelle dauern relativ lange, was eine menge Energie verzehrt. Man muss seine Kraft und Kondition gut einteilen, weil es kein Backup gibt, der einspringt. Zudem ist auch der Kopf ununterbrochen gefordert, da man Strategien anwendet oder den Gegner zu einem Fehler provozieren möchte. Auch das Ringen unterscheidet sich vom Buhurt: Man geht relativ schnell in den Dolchkampf über, wenn man sich nicht vom Gegner lösen kann. Fällt man zu Boden, ist der Kampf noch nicht vorbei. Kurz gesagt, ist Buhurt ein mittelalterlich angehauchter Mannschaftsport mit vielen interessanten Komponenten. Harnischfechten ist eher ein Duellsport mit viel Technik und mehr Detail. Buhurt hat mir immer Spass gemacht, weil ich selbst auch aus dem Mannschaftssport komme. Was die Kampftechnik anbelangt, bin ich garantiert pro Harnischfechten. Harnischfechten hat auch einen grossen finanziellen und körperlichen Vorteil: Der Verschleiss des Materials ist sehr gering und die Verletzungsgefahrt stark reduziert. Man sollte die heftigen Schläge im Buhurt für die langfristige Gesundheit nicht unterschätzen!

Und zum Schluss…

Wie «hart» ist Harnischfechten? Sind wir ehrlich: Wir Männer haben oft das Gefühl, wir müssen besonders hart sein, einen besonders harten Sport machen oder besonders hart Aussehen. 😉
Bei Frauen habe ich das sehr selten beobachtet im Sport. Versuchen wir uns also davon zu lösen. Harnischfechten setzt stark auf Taktik und Moment. Auf Bluff und Provokation. Das heisst aber nicht, das Harnischfechten nicht anstrengend und fordernd ist. Im Gegenteil! Als Beispiel: Es gibt Duelle, mit einer extrem dominierenden, kräftigen Person welche am Ende von der eher defensiv, schmächtigeren Person besiegt wird. Warum? Vielleicht weil er den Gegner hat machen lassen, so dass dem die Puste ausging. Oder er hat geblufft und seine vermutete Schwäche in Stärke umgewandelt. Wer weiss. Viele denken oft, mittelalterliche Kampfsportarten seien extrem grob oder werden mit reiner «männlicher» Kraft gewonnen. Diese Denkweise ist natürlich durch Filme stark motiviert. Der Kampf im Harnisch zeigt aber schnell, wie extrem man auf den Kraft- und Konditionshaushalt achten muss. Ständige filmische Attacken mit heroischen Moves liegen da nicht drin. Wer so kämpft, ist bereits nach einer Minute komplett ausgelaugt. Darum haben erfahrene Harnischfechter leichtes Spiel mit Neulingen. Sie haben kein Gleichgewicht zwischen Angriff und Kondition. Sobald die Kondition nachlässt, ist jede Abwehr halbherzig oder eine Tortur. Wie definiert sich also häufig «hart» in der Verbindung mit mittelalterlichen Kampfsportarten? Hart austeilen, hart einstecken. Deshalb ist für viele Aussenstehende Harnischfechten eher wie eine Cola Zero. Buhurt wird von vielen als die authentischere Kampfsportart verstanden. Wenn man aber bedenkt, das Buhurt eine Art Schlacht darstellen sollte, muss ich wiedersprechen. Schlachten dauerten oft Stunden und mit so einer Kampfart hätte man das nie durchgehalten. Oft entsteht der Eindruck auch deswegen, weil es im Halbschwertkampf keine Schläge gibt, sondern Stiche. Stiche wirken oft weniger brutal als Schläge, welche man auch aus Filmen gewohnt ist. Es ist also schwer zu sagen, wie hart Harnischfechten ist. Jeder von uns hat eine andere Messlatte. Harnischfechten ist aber anstrengend, körperlich wie geistig. Ihr glaubt mir nicht? Versucht es! Wir brauchen mehr für diesen coolen Sport! 🙂

Ich hoffe, ich konnte einen guten «ersten» Eindruck vermitteln. Regeln und Abläufe habe ich bewusst nicht komplett einfliessen lassen. Beachtet auch nochmals: Es ist ein stark von meiner Ansicht beinflusster Text, wenn es um Vergleiche ect. geht.

Claudio Ritrovato

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.