Mit Offenem Visier

Wie man ein gutes Online LARP macht (und wie nicht)

Ein gutes Online LARP braucht Immersion, Selbstständigkeit des Spielers und vordefinierte Beziehungen. Wie kann man das erreichen?

Wie ich in meinem Artikel Funktioniert LARP auch online? bereits festgestellt hatte, kann LARP auch online funktionieren. Was braucht ein Online LARP damit es gut ist – damit es eben funktioniert? Aus eigener Erfahrungen und Rückmeldungen unter anderem von Kendra (der hier übrigens einen spannenden LARP Blog betreibt) habe ich folgende Kriterienliste erstellt:

  • Immersion ist wichtig. Man muss eine Atmosphäre schaffen in der die Spieler sich gut in ihre Charakter und die Spielwelt einfühlen können.
  • Selbstständigkeit des Spielers bzw. seines Charakters in der Form, dass dieser die Möglichkeit hat eigenhändig Aktionen zu machen, ist nötig, damit der Charakter sich mit seinen Eigenschaften entfalten kann.
  • Vordefinierte Beziehungen helfen den Spielern enorm mit anderen Charakteren zu interagieren und sich ins Spiel einzufinden.
Auch als letzte Überlebende der dezimierten „Space Unit“ Flotte versteht man noch Humor (Screenshot aus dem Online LARP „A Squadron Story“)

Ein gutes Beispiel

Letzten Samstag habe ich an einem privaten Online LARP „A Squadron Story“ von Corinne Axena teilgenommen. Das Setting war von Corinne selbstgemacht: Eine Star Wars ähnliche Sci-Fi Welt, bei der die Spieler die Rollen von 5 Space-Fighter Piloten einnahmen. Ich spielte den Squad Leader T. Lu. Corinne spielte die Mission Control. Die Spielzeit war ungefähr eine Stunde. Das Spiel begann kurz nachdem eine wichtige Mission unerwarteterweise schief ging. Die meiste Zeit diskutierten wir was passiert ist, was wir machen können und improvisierten Interaktionen mit dem Raumschiff und der Mission Control per Chat und über visuelles Spiel. Die vorher aufgelisteten Kriterien wurden wie folgt erfüllt:

Immersion:

  • Wir spielten über Zoom wo man selbst ohne Green Screen seinen Hintergrund live mit einem Bild oder einem Video ersetzen konnte. Wir Spieler ersetzten ihn alle mit einem zum jeweiligen Charakter passenden Raumschiffcockpit Panorama.
  • Jeder Charakter hat eigene Erinnerungen an das, was kurz vor Spielbeginn geschehen ist. Durch das Teilen dieser Informationen über den Spielverlauf baut man eine Verbindung mit der Perspektive des eigenen Charakters auf.

Selbstständigkeit der Spieler/Charaktere:

  • Mein Charakter war zwar der Anführer der Spielercharaktere, aber wegen einer Gehirnerschütterung die er sich kurz vor Spielbeginn einfing hatten die anderen Charaktere die Möglichkeit seine Autorität zu hinterfragen oder gar zu missachten. Ich war sehr froh darum, denn die Verschiedenenheiten der Charaktere kommen nicht zur Geltung wenn nur einer die ganze Zeit die Entscheidungsgewalt für sich beanspruchen kann. Gut war auch, dass die Mission Control jederzeit intervenieren konnte.
  • Die Spieler hatten jederzeit die Möglichkeit über Zoom miteinander ingame zu chatten. Das wurde auch genutzt, z.B. zwischen Freunden um ihre Ansichten über ein Problem zu teilen oder ganz einfach um Infos weiterzuleiten. Während dem Spiel kam der Verdacht auf, dass einer der Piloten ein Verräter/Betrüger sein könnte. So wurden nicht nur öffentlich sondern auch privat über Chat mit Charakteren Theorien aufgestellt wer es sein könnte.

Vordefinierte Beziehungen:

  • Mein Charakter hatte einen besten Freund und einen Rivalen unter den Spielercharakteren was zu Spannung führte.
  • Ausserdem war er hin und hergerissen zwischen seinem Motto „Die Mission kommt zuerst!“ und das Riskieren der Leben seiner Kameraden.
„Der Sci-Fi Tarnanzug funktioniert!“ (Wir haben gelernt, dass wenn das Gesicht ausserhalb der Kameraperspektive ist, meint Zoom der Körper ist Hintergrund und er verschwindet)

Ein schlechtes Beispiel

Am selben Abend habe ich Süsse Träume 2 – Der Prozess durchgeführt: Ein eigenes Fantasy Online LARP. Die Veranstaltung hat als Event zwar allen Spass gemacht, war wie ich schmerzlich feststellen musste aber leider kein wirkliches Online LARP.

Die Veranstaltung ist dadurch entstanden, dass die Spieler von Süsse Träume Run 2 den Antagonisten, den Hexer Trajar, erfolgreich festnehmen konnten. Sie machten ein Ritual um von der Traumwelt, in der der Hexer sie zuvor gefangen hielt, so zu entkommen, dass alle am selben Ort, in einem Schiff, aufwachten. Über einen Text Rollenspiel Chat haben sie dann die Ereignisse auf dem Schiff gespielt. Anfangs wollten sie den Hexer nach Selbstjustiz selbst richten – muss ja niemand erfahren. Dann entschieden sie sich aber ihn vor Gericht anzuklagen. Da kam mir die Idee, dass dies doch eine ideale Gelegenheit wäre, ein Fantasy LARP im Online Format auszuprobieren.

Das Spielkonzept war einfach: Der Hexer wird für seine Vergehen angeklagt und eine Jury von drei Leuten, welche den dort herrschenden Vogt repräsentieren, sollen darüber richten. Die Kläger und der Angeklagte hatte eine Verteidigung. Zusätzlich gab es noch Sachverständige welche den Angeklagten kannten und sich über magische Dinge auskannten. Total waren wir 12 Leute wobei ich auf Aufruf die NSCs, d.h. den Angeklagten und 4 aufrufbare Zeugen spielte. Das Event ging 4 Stunden. Folgend werde ich nun auflisten wie die Kriterien erfüllt bzw. nicht erfüllt wurden.

Immersion:

  • + Wir spielten über Discord und ich gab die Bedingung vor, dass man eine Gewandung des Charakters anhaben müsse (zumindest dort wo man’s sieht). Um den Bezug zur Moderne zu minimieren habe ich ausserdem veranlasst, dass man einen neutralen oder zum Setting passenden Hintergrund wählen sollte. Das hat wunderbar funktioniert.
  • – Das Problem war nur, dass die meisten normalerweise mit grossen Headsets kommunizierten und wegen meiner Bedingung als Alternative nun z.B. ihre wesentlich schlechteren im Laptop integrierten Mikrofone benutzen mussten. Die Sprachqualität liess allgemein zu wünschen übrig, doch dafür können die Spieler wie ich finde wenig.
  • – Dadurch, dass man wegen der für ein Online LARP hohen Spieleranzahl die meiste Zeit einfach zuhören musste, konnte man kaum agieren, sich mit dem Geschehen verbinden.
  • – Zusätzlich gab es kaum Möglichkeiten vom Spiel aus die Charaktereigenschaften zur Geltung zu bringen.

Selbstständigkeit der Spieler/Charaktere:

  • + Im Gerichtsverfahren konnte man jederzeit „Einspruch“ rufen. Wenn man dann das Wort bekam konnte man sich einbringen.
  • – Das konnte man aber meistens nur machen, wenn man rein logisch etwas an der eben getätigten Aussage bemängeln konnte. Das hätte man anders gestalten können. Hier wäre vor allem eine Rücksprache mit der Jury nötig gewesen und eine spezifische Charakterwahl für dessen Mitglieder.
  • – Man konnte nur mit sprechen miteinander kommunizieren. Ich habe mir überlegt es über Chat zu ermöglichen miteinander zu kommunizieren, aber ich dachte, das sei dann immersionsstörend. Man müsste dann quasi wie in einem Forenrollenspiel mit der Zielperson flüstern oder ihr einen Zettel zustecken.

Vordefinierte Beziehungen:

  • – Alle Charaktere waren auf aus rein zielorientierten Motiven anwesend. Hier habe ich die Chance verpasst, das zwischenmenschliche Element hinzuzufügen, was das Spiel und die Immersion angekurbelt hätte. Ich habe dieses Element zu stark unterschätzt und weiss jetzt wie wichtig das ist. Dieses Element treibt die beiden anderen Kriterien an, ist quasi der Motor des ganzen Interaktionsspiels. Und genau das ist die Stärke von Online LARP, ist wie ich im Artikel Funktioniert LARP auch online? bereits feststellte.
Der angeklagte Hexer Trajar (Bild von Claudia Chiodi von Süsse Träume Run 1)

Mein Fazit

Vordefinierte Beziehungen zwischen Charakteren helfen einem Online LARP immens und steigern Immersion automatisch. Ich habe gelernt, dass 6 Leute (inkl. 1 Spielleiter) in einem Chatraum eine gute Anzahl ist und 12 weit über das Ziel hinausgeschossen – wenn unter Umständen vielleicht aber auch möglich. Online LARPs lassen sich sehr gut in Runs, d.h. in mehreren Durchläufen durchführen um trotzdem mehr Spielern den Spielspass zu bescheren. Auch möglich ist parallel mehrere Chaträume spielen zu lassen die vielleicht sogar auf die ein oder andere Art miteinander agieren können. Das wurde beispielsweise beim Animus Online LARP von Chaosleague überraschenderweise so durchgeführt und hat wunderbar funktioniert. Zu guter Letzt muss ich auch eingestehen, dass die Moderne und alles was danach kommt viel einfachere Settings hergibt und mehr Interaktionsmöglichkeiten zwischen den Spielern zulässt.

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