Mit Offenem Visier

Wie man Rollenspiel in Strategiegames umsetzen kann: Teil 1

In diesem Beitrag schauen wir uns einmal Rollenspiel in einem Strategispiel genauer an, welches wir als Gruppe gerade bespielen. Das Interessante daran: Das Spiel bietet von sich aus keine Rollenspielelemente. Wie wir es trotzdem hinbekommen haben und warum es sehr viel Spass machen kann, zeige ich euch jetzt.

Unsere Gruppe startete mitte Dezember mit einer Rollenspiel-Strategiekampagne. Wir nutzen dafür das ukrainische Strategiespiel American Conquest: Divided Nation, welches sich zwischen 1815 bis 1865 in den USA bewegt. Wir bespielen aber nur die Zeit ab 1861, den Start des amerikanischen Bürgerkrieges zwischen der Union und der Konföderation. Hauptfokus liegt nach Spielerwahl bei der Union, den Nordstaatlern. Es geht darum Soldaten in die Schlacht zu führen und das beste Ergebnis zu erzielen. Natürlich spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle, dazu gleich mehr.

Die Kampagne

In der Kampagne dreht sich alles um die Spieler auf Seiten der Union und dem Gamemaster (GM) auf Seiten der Konföderation. Die Spieler werden im Grunde vom GM bespasst und unterhalten. Es ist aber nicht nur reines Theater mit bis zu 30’000 Männern, sondern es geht um jede Entscheidung, jeden Fehler, jeden Verlust oder Gewinn. Die Spieler schlüpfen in die Uniformen der Potomac-Armee in Nord-Virginia und müssen dort als Offiziere ihre Männer führen.

Battlemap der Schlacht von Hagerstown Day 2, das Zentrum. Am Ende kämpften hier fast 30’000 Mann auf dem Feld, 1/4 davon wurden getötet oder verwundet

Die Umsetzung war aber etwas schwierig. Das Spiel bietet keine Rollenspiel oder Gameplaymöglichkeiten, um eine Armee glaubhaft darstellen zu können. Normalerweise tritt man in Schlachten 1vs1 oder bis zu 4vs4 gegeneinander an, nur mit dem Ziel, die gegnerische Armee zu besiegen. Wie bringt man also Rollenspiel in das trockene Pixel-Gemetzel hinein…

  • Um die Darstellung der Kampagne glaubhaft zu gestalten, wurde eine Vorgeschichte erfunden. Den Krieg und die Fakten gab es ja bereits. Wir bauten jedoch noch eine fiktive, aber glaubhafte alternative Richtung auf. Jeder Spieler konnte sich in die Situation versetzen, wusste was er wissen sollte und wusste was seine Aufgabe sein wird. Es entstand langsam ein Bild des Krieges.
  • Die Identifikation ist wichtig, um sich in die Sache versetzen zu können. In vielen Games gibt es keinen Bezug zur Armee oder zu den Soldaten. In unserer Kampagne wollten wir neue Wege gehen. So erhielt zB. Hermann das Kommando als Colonel über das 1st New York Volunteer Regiment. Anfänglich neun Kompanien, zusammen 920 Mann. Er wurde Sebastian unterstellt, General der ersten New Yorker Brigade à vier Regimenter, insgesamt um die 4’000 Mann. Sebastian hingegen war der Second Division unterstellt (GM) à 12’000 Mann. So entstand eine glaubhafte Hierarchie, in der Spieler Spieler führten und zusammen arbeiten mussten. Man konnte sich mit seinem Regiment/Brigade indentifizieren, mit deren Leistungen, sowie deren Verluste.
  • Die Simulation war ebenfalls ein wichtiger Part der Kampagne, welche auch das Rollenspiel fördern sollte. Unsere Spielart entwickelte sich schnell in Richtung Militärsimulation (MilSim), wo es nicht nur darum geht Truppen zu verschieben oder den Gegner zu vernichten, sondern auch wie das ganze geschieht. Sebastian richtete deshalb eine «Battlemap»ein über Google Drive. Dort konnte man das Gelände studieren und Truppen markrieren, sowie Pläne verwirklichen. Wichtiger Part der Simulation war auch der Dienstweg oder die Befehlskette. Hermann als Colonel des Regiments hatte keine taktischen Freiheiten, da er Sebastian’s Brigade unterstellt war. Er war also nur Befehlsempfänger. Wollte er einen Angriff starten oder sich zurückziehen, musste er das bei der Brigade anfragen. Sebastian musste hingegen bei der Division Befehle anfordern oder Meldung machen, also beim GM. Auch die Soldaten werden simuliert: Verluste in den Regimenter und Brigaden innerhalb der Missionen, bleiben erhalten. Hatte man am Vortag der Schlacht in den Gefechten zu viele Männer verloren, so hat man vielleicht die Überzahl verspielt. Auch Schiesspulver und Kanonenkugeln müssen gemanaged werden. Während der Schlacht wurde in Rollenspielmanier kommuniziert, auf Hochdeutsch und in militärischer Sprache.
  • Erfahrungen zu sammeln wurde fest eingebaut. Hermann wurde nach dem ersten Gefecht zum Brigadegeneral befördert, Sebastian zum Divisionsgeneral. So hatten Erfolg und Misserfolg direkte Auswirkungen auf das weitere Geschehen. Auch mussten die Generäle lernen, den Feind zu beobachten, Bewegungen zu registrieren, richtige Meldungen zu machen. Es entstanden Erfahrungen, welche das Spielerlebnis stark beeinflussten. Zudem mussten beide Generäle immer wieder Entscheidungen treffen, welche vom GM bereitgestellt wurden. So hatte man die Chance den Feind zu umgehen, hatte dafür den Nachteil weniger Truppen zB. im Zentrum zu haben. Man konnte also immer ins Schwarze oder in die… naja treten. Mit jeder Erfahrung wurden sie besser und mit jeder Erfahrung tauchte man weiter ein.
Battle of Hagerstown Day 1, Maryland Juni 1861, Konföderierte des 5th Virginia Military Institute Regiment stürmen Stellungen des 24th Ohio Volunteer Regiments der Union. Eine blutige Schlacht. Etwa 30% der Virginier blieben liegen.

Das Geschehen

Die beiden Generäle kämpften sich erfolgreich durch die Missionen und konnten durch gutes Taktieren den Feind zurückdrängen. Doch es gab auch schmerzliche Erfahrungen. So in der ersten grossen Schlacht bei Lynchburg, wo sich 12’500 Unionssoldaten der Division Sebastian’s einer 9’400 Mann starken Konföderierten Armee gegenüberstanden. Die Konföderierten hatten wichtige Anhöhen besetzt, welche Sebastian stürmen musste. Hermann befand sich mit der New Yorker Brigade östlich auf der anderen Flussseite in Stellung. Die Armeen waren also getrennt, was für einige Spannung sorgte. Während Hermann versuchte, die Brücke zu stürmen und sich mit dem Rest der Division zu vereinigen, leitete Sebastian mit drei Brigaden den Angriff gegen den zentralen Hügel ein. So fielen die ersten Schüsse.

Nicht alles lief nach Plan in der Schlacht. Hermann schaffte es, die Konföderierten bei der Brücke abzudrängen. Er versäumte es jedoch, die fliehenden Truppen zu verfolgen. Ein grosser Fehler, wie sich dann noch zeigte. Sebastian schickte eine Brigade mit 3’000 Mann direkt in die Hölle aus Kugeln. Innerhalb von zehn Minuten, hatte die Brigade 50% der Männer verloren. Die Soldaten flüchteten und es wurde unübersichtlich. Schnell kam eine weitere Brigade heran, welche ebenfalls abgewehrt wurde. Hermann sammelte seine New Yorker, um die Rechte Flanke anzugreifen. Er traf aber auf heftigen Widerstand derer, die er flüchten liess. Die Konföderierten hatten mit der Zeit hohe Verluste und wurden im Zentrum etwas nach Süden gedrängt, dann frohren die Linien ein. Schnell kam Ernüchterung auf bei den Generälen, als man nicht mehr weiter kam. Am Ende gab es üble Gefechte um ein kleines Waldstück, welches sicher fünf mal den Besitzer wechselte, bis die Schlacht vorbei war. Schliesslich wurde die Schlacht als unentschieden gewertet. Die Verluste betrugen etwa 38% der Division.

Schlacht von Lynchburg, Virginia Mai 1861. Blau steht für die Union und Rot für die Konföderation
Ingame: Hier versucht Hermann mit dem Rest der Brigade die Konföderierte rechte Flanke anzugreifen.

Nach der Schlacht wurde Sebastian’s Division nach Maryland, auf eigenen Boden geschickt, um sich zu erholen. Dort griffen aber die Konföderierten drei Wochen nach Lynchburg an, was der Auslöser der Maryland Campaign war. Nach zwei harten Schlachttagen, wurden die Südstaatler besiegt und abgedrängt. Von 12’100 Mann, blieben Sebastian nur noch 6’800 Mann übrig. Jeder Verlust eines Regiments schmerzt, da man sich mit den Leistungen der Soldaten mit der Zeit immer mehr identifiziert. Später stiess noch ein weiterer Spieleroffizier hinzu und wir bekamen in der Gruppe weiblichen Support.

Vorerst die Geschehnisse des Jahres 1861, Teil I

Fazit

Wir haben ein Spiel ohne Rollenspielfeatures zu einem Abenteuer und einer Militärsimulation verwandelt. Dazu brauchte man nur Spieler mit Rollenspielinteresse, etwas Phantasie und viel Spass 🙂 Es fühlte sich authentisch an, einen Körper der Armee zu steuern. Die Entscheidungen brachten auch erfahrene Generäle ins Grübeln und führten manchmal zu Sieg oder hohen Verlusten. Wir werden die Kampagne in absehbarer Zeit weiterführen. Wer Interesse hat, kann gerne seine Unterschrift für ein Offizierspatent da lassen!

Claudio Ritrovato

2 thoughts on “Wie man Rollenspiel in Strategiegames umsetzen kann: Teil 1

  1. Hoi! Das liest sich ja spannend. Ich wäre durchaus interessiert, je nach zeitlichem Umfang bin ich gern dabei. Auch wenn sich meine militärischen Erfahrung abseits von PC-Games sehr übersichtlich gestalten … 😉

    1. Hey Tim 🙂 Militärische Erfahrung brauchst du nicht. Wir machen immer einen Ingame Crashkurs. Das Game wird per Dropbox für jeden Spieler gestellt. Wenn du zB als Regimentskommandeur einsteigst mit 800-1’000 Mann, ist das ganze noch sehr übersichtlich. Wir können ja mal einen Termin abmachen für eine Einführung ect 😉

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